Außergewöhnliche Wettkampferlebnisse: Flow-Erlebnisse, alles hat gepasst!
Von Olaf Sabatschus, vielen Dank Olaf und dir alles Gute!
»Flow-Erlebnisse, alles scheint möglich, alles fällt einem leicht, der Erfolg kommt wie von selbst!«
Das kennt sicherlich jeder irgendwie anders. Bei mir sind es eher Zeiträume gewesen, die letztlich in einem tollen Wettkampf mündeten – wie sich das “angefühlt” hat, versuche ich im Folgenden zu beschreiben.
Das erste Erlebnis solcher Art war die Zeit nach dem IRONMAN Brasil 2003
Dort lief es schon recht gut, obwohl ich aufgrund von stürmischen Winden die Orientierung im Wasser und somit auch viel Zeit verloren hatte. Nach vielleicht 30min ärgern auf dem Rad konnte ich das Ganze in so eine Art Genusswettkampf ummünzen: Schliesslich war der Druck, ganz vorne landen zu wollen/müssen weg. Ich musste mich wohl oder übel mit maximal dem 3. Platz zufrieden geben; die zwei anderen Rennfavoriten Oscar Galindez und Eduardo Sturla waren einfach schon zu weit weg.
Das führte zu einem erstaunlich lockeren und gleichzeitig schnellem Radsplit, und beim Laufen hiess es bei km 37 auf einmal, ich könne den 2. Platz noch machen – was mir letztlich dann auch gelang. Mit weniger als 1h Kampf über die ganze Dauer von über 8h Wettkampf – nämlich dem Schwimmen und den letzten paar km beim Marathon. Normalerweise versuche ich die ganze Renndistanz recht hart ranzugehen..
Nach diesem Wettkampf war die Erholungszeit erstaunlich kurz, schon 2 Wochen darauf konnte ich 9. bei der DM Kurz in Stuttgart werden – bei einem für Langdistanzler eher ungeeigneten legal draft race. Bereits eine Woche später beim Bonn-Triathlon konnte ich alle incl. Stefan Holzner in Schach halten, Stefan gewann 3 Wochen darauf in Frankfurt gegen die gesamte Weltelite den IM Germany. Irgendwie war ich nicht aufzuhalten, jede Trainingseinheit brachte das Gefühl mit sich, besser zu werden – höchst erstaunlich, wenn man eh schon auf hohem Niveau unterwegs ist.
Kurz vor dem IRONMAN Austria, nur 6 Wochen nach Brasilien waren vor allem die Radausfahrten einfach genial – selbst bergauf hatte ich bei Intervallen den “dicksten” Gang drauf und hatte das irre Gefühl, die Beine einfach nicht müde fahren zu können, auch bei höchstem Tempo.
IRONMAN Austria: wenn die Achillessehne nicht gewesen wäre, wäre ich unter 8 Stunden geblieben, und das locker
Im Rennen selber kam ich auf einem für mich irrwitzig guten 7.Platz aus dem Wasser und lies gleich alles stehen, was Rang und Namen hatte. Nach ein paar km war ich mit Riesenvorsprung allein unterwegs auf dem Rad. Ich hatte das Gefühl, ich würde quasi von aussen beobachten, wie ich mit hoher Atemfrequenz (Zeichen für den “Auslastungsgrad”) immer weiter dem Feld enteilte, die üblichen Ermüdungssymptome (schwere Beine, Verspannungen, Muskelschmerzen) nahm ich, wenn überhaupt dann nur sehr entfernt war. Die Zeit verflog nur so, ich konnte mir nichts schöneres vorstellen als “hier und jetzt” den Wettkampf und die Belastung zu geniessen, jede Runde konnte ich meiner Familie locker vom Rad aus zuwinken und der Vorsprung vergrösserte sich trotzdem horrend.
Das Radfahren ging viel zu schnell vorrüber, 4:17h brauchte ich an dem Tag für die Radstrecke – so schnell bin ich zuvor nie gewesen.
Auf den Boden der Tatsachen holte mich dann das Laufen zurück. Eine Achillessehnenreizung machte eine Entscheidung notwendig: Chronische Beschwerden riskieren und den Kurs von unter 8h durchziehen, oder alsbald das Rennen abbrechen aus Sicherheitsdenken aber mit dem Gefühl, einen verrückt guten Tag nicht ausgenutzt zu haben.
Ich entschied mich für die Gesundheit… was natürlich im Nachhinein auch zu ein paar Tränen geführt hat.
Danach war meine Flow-Zeit für diese Saison erst einmal vorrüber – die Trainingeinheiten verliefen eher schwerfällig und schleppend, bis Hawaii konnte ich zwar einigermassen die Achillessehnenreizung auskurieren, musste dort aber mit einem eher “normalen” Rennen unter den ersten 15 zufrieden sein.
Ein Jahr darauf lief die Vorbereitung auf den IM Brasilien ähnlich gut: Für ca. 3 Wochen hatte ich das Gefühl, jede Trainingseinheit sitzt, ich kann mich täglich “abschiessen” und verkrafte das trotzdem. Der Focus im Trainingslager auf einen IM ist zwar auch ein anderer als im “daily life”, aber das es so rollt, ist trotzdem selten. Etwa 10 Tage vor dem Rennen machte ich den “Wolfgang Dittrich birthday set” – 100er mit Abgang 1:10min (allerdings auf der 25yds Bahn). Für einen eher mässigen Schwimmer nicht übel.
IRONMAN Brazil, 2004: der ganze Wettkampf kommt mir vor, wie vielleicht zwanzig Minuten – dabei waren es 8:17h
Am Rennmorgen ist die übliche Nervosität nicht da; stattdessen nur eine freudige Erwartung des Rennens, Konzentration, Lockerheit zugleich. Der Startschuss fällt und ich kraule los wie selten zuvor; die Trainings waren wesentlich härter als das Rennen. Ich wundere mich, das ich schon als 2. !!! das Land erreiche, obwohl ich mich eher auf Technikmerkmale als auf schnelles Tempo konzentriert hatte, wundere mich ebenso wie ich auf das Rad gekommen bin – mir bleibt nur der Weg in das Wechselzelt in Erinnerung, auf dem ich mich selbst abermals wie von aussen keuchen höre, mir die Belastung aber nicht zu Bewusstsein kommt, weil die Rezeption so gedämpft ist.
Ich lege auf dem Rad los, wie die Feuerwehr, und bin alsbald in der Führung; nach 125km kann Oskar Galindez aufschliessen weil er etliche Pressefahrzeuge um sich herum hat. Nach ein paar Versuchen, mich abzuhängen hat er Krämpfe in der hinteren Oberschenkelmuskulatur; ich erinnere mich das ich mit der für mich ungwewöhnlich risikoreichen und kampfbetonten Einstellung “alles oder nichts – wenn ich nicht vom Rad falle, dann du…” für ein paar Minuten eigentlich viel zu schnell für eine Langdistanz gegenhielt.
“Das war’s” habe ich gedacht, denn beim Laufen bin ich normalerweise der schnellere. Bis zum Radziel gibt es nur noch “Geplänkel”, dann ziehe ich in den Laufschuhen mit im Nachhinein schon fast unheimlicher und unverschämter Siegesgewissheit das Tempo an, bis Oscar klein beigeben muss. Bis zum Ziel, wo ich meinen ersten IM – Sieg feiern werde, habe ich über 11min Vorsprung… bis auf ein bisschen Ziehen in den Waden auf den letzten km des Marathons habe ich kaum Schmerzwahrnehmung. (Den Muskelkater die Tage danach habe ich allerdings schon wieder in normaler bzw. heftiger Weise gespürt…). Nur Glücksgefühl, fliessen…
www.olafsabatschus.de, siehe auch http://biest-blog.typepad.com/biest_blog/2006/08/mario_der_meint.html#comments
Ein weiteres Erlebnis fällt mir übrigens ein: Das hatte ich allerdings
vor meiner Zeit als Triathlet: Ganz profan in einer Basketball-Stunde
des Schulsports. Dafür bin ich aufgrund fehlenden Talents und
Körpergrösse nicht sonderlich geeignet; was sich in den üblichen
Spielen auch zeigte. Ein einziges Mal jedoch fühlte es sich so an, als
sei die “Automatik” angegangen – ich dachte nie bewusst über die
nächste Aktion oder Spielzüge nach; so als ob ich im Gleichklang,
Einklang, Rythmus mit allen Geschehnissen und Spielern um mich herum
wäre, konnte ich vorraussagen was als nächtes passieren würde; konnte
ohne hinzuschauen den richtigen Pass geben; konnte nach Belieben
3-Punkte-Treffer erzielen. Konnte mir nichts schöneres vorstellen als
zu spielen, spielen, spielen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich
einen Fehler machte, einfach alles automatisch unbewusst und nicht
verkrampft willentlich gesteuert – einfach gelungen. Das ist mir beim
Basketball nie wieder passiert…!










Ich kann als Windsurfer die von Olaf beschriebenen “Zustände” gut nachempfinden, vor allem die verschobene Zeitwahrnehmung und das Gefühl mit der Bewegung und dem Sportgerät zu verschmelzen.
An dieser Stelle die Frage: Was ist das Ziel des Mentalen Trainings? “Flow” oder “Mentale Stärke”.
Zunächst verfolgt mentales Training das Ziel des Lernens, Präzisierens und Stabilisierens einer Bewegungshandlung. Meinen persönlichen Erfahrungen als Leistungssportler nach stimme ich mit Eberspächer (1990) überein, der das Ziel im “Flow-Erleben” sieht.
Unter dem Begriff “Flow” versteht Csikszentmihalyi “einen psychologischen Zustand, in dem Geist und Körper mühelos zusammenwirken.” Die 3 bedeutendsten Faktoren für Flow sind “die Verschmelzung von Denken und Handeln, Befangenheit abzulegen, und die subjektive Wahrnehmung der Zeit.” Der Athlet hört auf sich als getrennt von den Bewegungen, die er ausführt, wahrzunehmen.
Mentale Stärke ist demgegenüber die Fähigkeit seinen Geist so zu steuern, dass das “Flow-Erleben” möglich wird. Ein Athlet ist mental stark, wenn er z.B. durch positive Gedanken, auch aus einer schwierigen Wettkampfsituation heraus, in den Zustand von “Flow” gelangt.
Zu Beginn ein Zitat von Reinhold Messner:
»Ich bin, was ich tue«.
Moritz, deine Beschreibung des Flow-Erlebnisses erinnert mich sehr an Reinhold Messner, wie er in seinem Buch, seine Erstbesteigung, die erste Alleinbesteigung des Mount Everest ohne Sauerstoff, beschreibt: die letzten tausend Schritte zum Gipfel, endlos der Weg, er besteht nur mehr aus Schritt und Atem, schwer und langsam… nichts anderes existiert mehr. Er verschmilzt zu einem Schritt, der von Atmen begleitet wird…
http://www.reinhold-messner.de